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imp uls e 1/ 2 017

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H

ierzulande verzichten 39.000

Unternehmen darauf, Arbeitneh-

mer mit Behinderung zu beschäf-

tigen, teilt das Bundesministerium für

Arbeit und Soziales mit. Für eine bessere

Teilhabe am Arbeitsleben werden auf

politischer Ebene Hürden gesenkt und

Möglichkeiten für Inklusion geschaffen.

Doch gerade die noch zurückhaltende

Wirtschaft ist gefragt, sich zu öffnen und

die Chancen zu nutzen, fordert Thomas

Schneberger. Ein Interview.

Digitalisierung trifft

Inklusion = Erfolgsgeschichte?

Schneberger:

Geschichten wie die von

Herrn Neumann, Frau Gehlhaar und

Herrn Kliesch lassen diese Gleichung

tatsächlich zu. Der digitale Wandel birgt

für die Inklusion behinderter Menschen

enorme Chancen. Sei es durch direkte

Unterstützung von fehlenden oder nicht

vollständig intakten Sinneswahrneh-

mungen, zum Beispiel bei Sehbehinder-

ten durch Text-to-Speech-Programme,

Datenbrillen oder Lesehilfen, wie im

Falle von Ralf Kliesch. Oder mittels

elektronisch-mechanischer Hilfen, die

körperliche Beanspruchungen wie Tra-

gen, Heben und Bewegen unterstützen.

Menschen mit Behinderungen sind bei

der Ausübung bestimmter Tätigkeiten

beeinträchtigt. Wenn es mithilfe digi-

taler Technologien gelingt, diese Be-

einträchtigung auszugleichen und die

vorhandenen Stärken zu nutzen, ist das

ein Gewinn für alle Beteiligten. Durch

die Digitalisierung spielt die räumliche

Verortung des Leistungserbringers bei

vielen Tätigkeiten zudem keine Rolle

mehr. Die Möglichkeit, überall und zu

jeder Zeit zu arbeiten, erlaubt Beschäf-

tigten (ob mit oder ohne Behinderung)

die Chance, in der für sie optimalen Art

und Weise zu arbeiten. Beschwerliche

Wege zur Arbeitsstätte können mitunter

entfallen.

Was raten Sie Unternehmen, die zu den

oben genannten 39.000 gehören?

Umdenken! Arbeitsplätze verändern

sich. In der Vergangenheit wurden die

Menschen im Umgang mit mechani-

schen Werkzeugen ausgebildet. Da wa-

ren körperliche Fähigkeiten besonders

wichtig. Durch den digitalen Wandel

sind künftig im selben Berufsfeld analy­

tische Fähigkeiten gefragt. Das schafft

Chancen für die Inklusion behinderter

Menschen. Viele Unternehmen sind

allerdings noch im Dornröschenschlaf

und haben das Potenzial – auch im Hin-

blick auf den Fachkräftemangel und den

demografischen Wandel – noch nicht er-

kannt. Es geht nicht darum, eine „gute

Tat“ zu vollbringen. Es geht um wirt-

schaftliche Ziele. Und die erreichen Un-

ternehmen mit leistungsfähigen Mitar-

beitern, ob mit oder ohne Handicap.

Sie beraten Unternehmen in diesem

Zusammenhang auch zum Thema

Digitalisierung. Was geben Sie ihnen

praktisch an die Hand?

Wichtig für Unternehmen beim Thema

Digitalisierung sind selbstverständlich

arbeitsrechtliche und datenschutzrecht-

liche Regelungen. Als essenziell haben

sich außerdem 8 Faktoren herauskris-

tallisiert, ohne die Gesundheit und

Leistungsfähigkeit im Unternehmen ge-

nerell nicht möglich sind: Führung, Ori-

entierung, Kompetenzen, Organisation,

Kommunikation, Kultur, Gratifikation,

Gesundheit. Diese gilt es im Unterneh-

men zu überprüfen und zu unterfüttern.

Was Unternehmen zusätzlich brauchen,

ist die Entschlossenheit, auch einmal

Wege zu gehen, die noch nicht so ausge-

treten sind. Und: Ein bisschen Vertrau-

en in die Leistung und Kompetenz der

Menschen – denn um die geht es hier im

Kern – kann nicht schaden. Mitarbeiter,

die das spüren, arbeiten motivierter und

leisten mehr. Da brauchen wir keinen

Unterschied machen zwischen Men-

schen mit und ohne Behinderung. Die

Digitalisierung kann im Wortsinn wie

auch im übertragenen Sinn Augenhöhe

schaffen. Denn der digitale Raum ist per

se barrierefrei.

I MPU L S E S P E Z I A L

„Viele Unternehmen sind noch

im Dornröschenschlaf“

Mehr Inhalte

Einen Vortrag von Thomas Schne-

berger zu den 8 Faktoren für

Gesundheit und Leistungsfähigkeit

im Unternehmen finden Sie in

unserem Web-Special zur Digitali­

sierung:

www.ias-gruppe.de/ digitalisierung

IM GESPRÄCH

Thomas Schneberger

Geschäftsführer der

ias Unternehmensberatung

thomas.schneberger@ ias-gruppe.de

INTERVIEW

Ihre wirtschaftlichen

Ziele erreichen

Unternehmen mit

leistungsfähigen

Mitarbeitern, ob mit

oder ohne Handicap.

Fotos: guiskard studio / Raufeld (li.), Florian Liedel