Neurodiversität am Arbeitsplatz: Verständnis, Orientierung & Unterstützung (Teil 1)
Neurodiversität wird in Unternehmen immer präsenter. Themen wie AD(H)S, Autismus oder Hochsensibilität werden häufiger angesprochen – verbunden mit einem erhöhten Bedarf an Orientierung, einem besseren Verständnis individueller Arbeitsweisen und passenden Unterstützungsmöglichkeiten im beruflichen Alltag. Auch in der EAP Mitarbeitenden- und Führungskräfteberatung zeigt sich diese Entwicklung deutlich.
Mentale Gesundheit
Vor diesem Hintergrund haben Nadija Amjad-Prietzel, EAP Kompetenzfeldleitung bei der ias-Gruppe, und ihr Team die Fachexpertin Kristin Kluck, Coachin, Autorin und Podcasterin für Neurodivergenz zur diesjährigen ias mental health Mitarbeitenden-Fachtagung eingeladen. Mit ihrem Vortrag „Neurodivergenz – Andersartigkeit als Chance“ gab sie den mehr als 130 EAP / Mental Health Berater:innen wertvolle Impulse für die Praxis.
In einem gemeinsamen Interview sprechen Kristin Kluck und Nadija Amjad-Prietzel darüber, was Neurodiversität bedeutet, wie sich neurodivergente Arbeitsweisen im Berufsalltag zeigen können und welche Rolle EAP-Beratung, spezialisierte Fachbegleitung und Unternehmen dabei einnehmen können, passende Unterstützung zu ermöglichen.
Teil 1: Neurodiversität verstehen
Im ersten Teil des Interviews sprechen Kristin Kluck und Nadija Amjad-Prietzel darüber, was Neurodiversität bedeutet, warum das Thema zunehmend wichtig ist und wie sich neurodivergente Arbeitsweisen im Berufsalltag zeigen können.
Kristin Kluck entdeckte ihre eigene Hochsensibilität im Jahr 2011. Seitdem lässt sie ihre Erfahrungen intensiv in ihre Coachings einfließen. Sie hostet ihren eigenen Podcast „HOCH-WAS? hochsensibel.“, hat diverse Bücher zum Thema verfasst und vermittelt ihr Wissen in Vorträgen.
Frau Kluck, warum gewinnt Neurodiversität am Arbeitsplatz aktuell so stark an Bedeutung?
Kristin Kluck: Momentan ist die ganze Welt im Wandel. Vor allem durch KI entstehen ganz neue Chancen und Herausforderungen, insbesondere in der Arbeitswelt. Weiterhin erkennen die Menschen immer mehr, dass sie nicht nur leben, um zu arbeiten. Und oft ist es leider auch noch so, dass sich die Strukturen und Prozesse in Unternehmen an alten Werten und Hierarchien orientieren, die einfach nicht mehr zu der heutigen Zeit und den unterschiedlichen Persönlichkeitstypen passen. Das raubt vor allem neurodivergenten Menschen Unmengen an Energie.
Gerade in Zeiten von KI, von Insolvenzen, Kürzungen, Schließungen und einer scheinbar kompletten Neuausrichtung des Arbeitsmarkts sorgt das alles für Reibung und Unsicherheit. Es zwingt Unternehmen zum Umdenken. Es stehen Fragen im Raum: Wie kann ich als Unternehmen zukunftsfähig bleiben? Wie kann ich meine Mitarbeitenden halten und bestehende Lücken füllen? Welche Strukturen und Prozesse muss ich anpassen?
Eine der wohl wichtigsten Erkenntnisse ist, dass KI zwar routinierte, digitale und standardisierte Aufgaben übernehmen kann. Doch was dadurch zusehends wichtiger wird, ist die menschliche Komponente. Denn der Mensch muss letztendlich immer über der KI stehen, sie weiterentwickeln und anpassen.
Nadija Amjad-Prietzel ist Kompetenzfeldleiterin Employee Assistance Program (EAP). Ihr Augenmerk: Das Leistungsportfolio so gestalten, dass Unternehmen und Mitarbeitende jederzeit verlässlich, individuell und praxisnah unterstützt werden.
Und Fakt ist, dass dafür vor allem Menschen aus dem Autismus-Spektrum bestens geeignet sind. Auf der anderen Seite besitzen z.B. hochsensible Menschen von Natur aus sehr ausgeprägte, empathische Fähigkeiten, die im Umgang mit Menschen extrem wichtig sind. Auch das kann nur schwer erlernt oder von KI ersetzt werden.
Mit großer Hoffnung beobachte ich, dass das Wissen und das Bewusstsein darüber, dass wir alle verschieden sind und somit auch unterschiedliche Bedürfnisse haben, in unserer Gesellschaft wächst. Das führt dazu, dass wir neurodivergenten Menschen uns auch immer mehr trauen, uns zu zeigen. Dass wir sichtbarer werden und für unsere Bedürfnisse einstehen.
Studien zeigen außerdem, dass wir neurodivergenten Menschen über außergewöhnliche Fähigkeiten und Potenziale verfügen, die insbesondere in Zeiten von KI immer wichtiger werden (z.B. Tiefgründigkeit, Kreativität, innovatives Denken). Sie machen sichtbar, dass neurodivers zusammengesetzte Teams größere Erfolge erzielen. Damit sich diese Potenziale auch wirklich frei entfalten können, braucht es aber auch bestimmte Voraussetzungen. Andernfalls hat Neurodivergenz eher negative Auswirkungen auf die eigene Gesundheit, die Produktivität und das Wohlbefinden.
Mein ganz persönlicher Wunsch ist es, dass immer mehr neuroinklusive Lebens- und Arbeitswelten geschaffen werden, in denen jeder Mensch seinen Platz findet. In denen wir gesünder, harmonischer und zufriedener leben und arbeiten. Davon profitieren am Ende alle Persönlichkeitstypen.
Viele Menschen können den Begriff Neurodiversität nicht genau einordnen. Was bedeutet Neurodiversität genau und welche Missverständnisse begegnen Ihnen häufig?
Kristin Kluck: Das größte Missverständnis ist wohl, dass die Menschen denken, Neurodiversität sei eine Modeerscheinung. Oft ernte ich Augenrollen, wenn ich über mein Thema spreche. Doch erlebe ich auch echtes Interesse, Offenheit und Aufgeschlossenheit. Denn viele Menschen erkennen sich in meiner eigenen Geschichte oder meinen Erzählungen wieder.
Neurodiversität war schon immer da, es gab nur keinen Namen dafür. Sie beschreibt grundsätzlich die natürliche Vielfalt von Menschen bzw. menschlichen Gehirnen, die erstaunlicherweise auch in der Tierwelt nachweisbar ist. Neurodiversität wird auch nie wieder weggehen, sondern immer ein Bestandteil unserer Gesellschaft sein. Wir können sie also entweder weiterhin ignorieren und uns somit als Gesellschaft selbst schaden. Oder wir nutzen die Potenziale, die in der Erkenntnis stecken, dass wir alle unterschiedlich zusammengesetzte Gehirne haben, und profitieren davon als Gesellschaft.
Neurodiversität war schon immer da,
es gab nur keinen Namen dafür.
Aktuelle Studien kommen zu dem Ergebnis, dass etwa 10 bis 20 Prozent aller Menschen neurodivergent sind (z.B. Menschen mit Autismus, AD(H)S, Dyslexie, Hochsensibilität etc.). Leider gibt es in der Forschung bisher noch keine wirkliche einheitliche Definition. Einig ist man sich jedoch, dass es sich bei den Neurodivergenzen um Spektren handelt und sie sich zum Teil sogar überschneiden. Das Wichtigste: Neurodivergent zu sein heißt nicht, gleichzeitig auch krank zu sein! Vielmehr bedeutet es, dass das Denken, Handeln und die Persönlichkeitsstruktur von denen der Mehrheit abweichen. Diese Mehrheit wird übrigens als neurotypisch bezeichnet.
Meiner Meinung nach ist es jedoch gar nicht so wichtig, die Begriffe und Definitionen auswendig zu kennen. Vielmehr geht es doch darum, zu akzeptieren, dass wir alle unterschiedlich sind, und somit auch unterschiedliche Gedanken, Verhaltensweisen und Persönlichkeitsstrukturen besitzen. Daraus resultieren wiederum unterschiedliche Bedürfnisse und Grenzen. Und wenn wir das alles auch ganz bewusst in unserem Alltag, in unserer Gesellschaft und in den Unternehmen berücksichtigen, schaffen wir ganz automatisch neuroinklusive Lebens- und Arbeitswelten, in denen wir uns alle wohlfühlen können.
Wie können sich neurodivergente Arbeitsweisen im beruflichen Alltag zeigen und worauf sollten Unternehmen oder Führungskräfte besonders achten?
Kristin Kluck: Die wohl größte Herausforderung ist, Neurodivergenzen von außen zu erkennen. Denn viele von uns neurodivergenten Menschen beherrschen die Kunst, sich an Gegebenheiten anzupassen, um nicht negativ aufzufallen – selbst dann, wenn diese Gegebenheiten noch so belastend für uns sind. Was blieb uns auch anderes übrig, um nicht immer wieder als „komisch“, „anders“ oder „unbequem“ zu gelten?
Doch langfristig führen Überanpassung oder auch Masking, also das Unterdrücken von Verhaltensweisen, um negative Reaktionen zu vermeiden, zu chronischen Krankheiten, Depressionen und Burnout. Das kann also zum Beispiel ein Erkennungsmerkmal sein. Wer im Unternehmen oder im Team fällt oft durch Krankheit aus? Doch auch bei positiv wirkenden Menschen, die bereitwillig jede (zusätzliche) Aufgabe übernehmen und immer ein Lächeln auf den Lippen haben, darf man hinter die Maske schauen. Welcher Mensch steckt wirklich dahinter? Neurodivergente Menschen fallen auch oft durch ihre andersartigen Denk- und Verhaltensweisen auf. Der chaotische Schreibtisch, verrückte Ideen oder auch die Vermeidung sozialer Aktivitäten können ein Hinweis auf Neurodivergenz sein.
Am Ende ist es egal, ob jemand neurodivergent oder neurotypisch ist. Denn wenn Führungsmenschen grundsätzlich echtes Interesse und Offenheit gegenüber ihren Mitarbeitenden zeigen, regelmäßige Gespräche führen, Fragen stellen und Vertrauen aufbauen, können Konflikte, Missstände sowie sogar Ausgrenzung und Mobbing frühzeitig erkannt und entsprechend angegangen werden. Dabei sind Transparenz, Verantwortungsdenken und Fingerspitzengefühl von großer Bedeutung.
Frau Amjad-Prietzel, Sie und Ihr Team begleiten täglich Menschen in sehr unterschiedlichen Lebens- und Arbeitssituationen. Welche Entwicklungen beobachten Sie aktuell in der EAP Mitarbeitenden- und Führungskräfteberatung in Bezug auf Neurodiversität?
Nadija Amjad-Prietzel: Wir stellen fest, dass neurodiversitätsbezogene Fragestellungen deutlich häufiger vorkommen. Oftmals schildern Mitarbeitende Herausforderungen wie Konzentrationsschwierigkeiten, Reizüberflutung, Missverständnisse in der Kommunikation oder das Gefühl, im Arbeitsalltag ständig mehr Energie aufbringen zu müssen als andere.
Genau diesen Anstieg an Fragen, Selbstzweifeln und Orientierungsbedarf nehmen wir aktuell in der Beratung wahr.
Ratsuchende fragen sich: Bin ich anders als andere? Ist mein Verhalten noch „normal“ oder könnte es diagnostisch einzuordnen sein? Könnte es sich zum Beispiel um AD(H)S, Hochsensibilität oder eine andere Form von Neurodivergenz handeln? Diese Fragen entstehen nicht im luftleeren Raum. Viele Menschen stoßen heute über soziale Medien auf sehr vereinfachte Aussagen wie: „Wenn Sie sich so verhalten, dann sind Sie hochsensibel“ oder „Diese Anzeichen sprechen für AD(H)S“. Solche Inhalte können zwar Aufmerksamkeit für das Thema schaffen, sind aber häufig nicht ausreichend fundiert und können zusätzliche Unsicherheit auslösen. Genau diesen Anstieg an Fragen, Selbstzweifeln und Orientierungsbedarf nehmen wir aktuell in der Beratung wahr.
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