Geschlechterrollen und psychische Gesundheit am Arbeitsplatz
Psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz nehmen zu. Doch wie wirken sich Geschlechterrollen auf den Umgang damit aus? Im Interview erklärt Psychologin Carolin Heemann, welchen Einfluss Stereotype auf Wahrnehmung, Diagnose und Unterstützung haben – und was Unternehmen tun können.
Mentale Gesundheit
Wie machen sich psychische Erkrankungen im Arbeitsumfeld bemerkbar?
Carolin Heemann: Zunächst muss man festhalten: In den letzten Jahren wird in Deutschland ein deutlicher Anstieg psychischer Belastungen und Erkrankungen beschrieben. Am häufigsten treten Depressionen, Angststörungen und Alkohol- oder Medikamentenkonsum auf. Wir selbst haben Ende 2024 Führungskräfte aus dem Mittelstand zu diesem Thema befragt und auch unter Ihnen hat jede:r Zweite angegeben, dass die psychischen Belastungen der Beschäftigten zugenommen haben.
Was die Menschen zentral belastet, ist die immer höhere Arbeitsintensität wie sie der Fachkräftemangel verursacht, gepaart mit wirtschaftlicher Unsicherheit in Zeiten schwächelnder Konjunktur. Ständig erreichbar zu sein führt dazu, dass berufliche und private Rollen immer schwerer voneinander abgrenzbar und Entspannung kaum mehr möglich sind. Wir stehen ständig unter Strom – und das zehrt an den Kräften.
Das Ergebnis: erhebliche Fehlzeiten und mittelfristig sogar vermehrte Frühverrentungen.
Welche Rolle spielt es, ob Frau oder Mann psychisch erkranken?
Carolin Heemann: Eine sehr große! Die Frage ist nicht nur, wie Belastungen entstehen, sondern auch wie die Reaktionen darauf wahrgenommen, bewertet und bearbeitet werden. Der Umgang mit Stress, Erschöpfung oder psychischen Erkrankungen ist kein rein individuelles Phänomen, er ist eingebettet in soziale und kulturelle Deutungsmuster. Insbesondere Geschlechterrollen prägen, welche Formen von Belastung als legitim gelten, wie offen darüber gesprochen wird und wie das Arbeitsumfeld damit umgeht.
Rollenzuschreibungen wirken sich darauf aus, ob Symptome erkannt, ernst genommen oder verschwiegen werden, und bestimmen damit nicht nur individuelle Bewältigungsstrategien, sondern auch betriebliche Reaktionen auf psychische Auffälligkeiten. Damit rücken geschlechtsspezifische Erwartungen als zentraler Vermittlungsfaktor zwischen Arbeitsanforderungen und psychischer Gesundheit in den Fokus.
Geschlechterrollen beeinflussen, wie mit psychischen Belastungen und Erkrankungen im Arbeitskontext umgegangen wird – sowohl bei Beschäftigten selbst, als auch bei Führungskräften und HR.
Wie manifestieren sich Geschlechterrollen, wenn sich mentale Belastungen im Arbeitsumfeld zeigen?
Carolin Heemann: Uns allen ist bewusst, dass die Gesellschaft anhand von Geschlechterrollen definiert, was als „typisch weibliches“ und als „typisch männliches“ Verhalten gilt. Weiblichkeit wird eher mit Emotionalität, Verletzlichkeit und Fürsorge verbunden, Männlichkeit eher mit Autonomie, Leistungsorientierung und Kontrollbedürfnis. Diese normativen Skripte strukturieren außerdem, wie Belastungen erlebt, benannt und im beruflichen Kontext kommuniziert werden dürfen ohne Sanktionen oder Statusverlust zu riskieren.
Während traditionelle Männlichkeitsnormen psychische Probleme häufig tabuisieren und Leistungsfähigkeit in den Vordergrund stellen, werden Frauen eher mit emotionaler Offenheit assoziiert, was wiederum zu anderen Erwartungen und Bewertungen führt. Hinzu kommt: Studien zeigen, dass Eigenschaften eines „psychisch gesunden Erwachsenen“ in vielen Kulturen näher an traditionellen Männlichkeitsnormen beschrieben werden, während Weiblichkeit eher mit psychischer Labilität assoziiert wird.
Daraus entsteht ein doppelter Standard: Verhalten, das bei Männern als Ausdruck von Stärke oder Normkonformität bewertet wird, kann bei Frauen schneller als Überreaktion oder unangemessene Dominanz gedeutet werden – und umgekehrt.
Wie äußert sich das konkret?
Carolin Heemann: Geschlechtsrollen beeinflussen, welche Symptome Personen wahrnehmen und benennen: Männer externalisieren Belastungen häufiger. Sie berichten somatische Beschwerden (z.B. Schmerzen, Erschöpfung) oder weichen auf Substanzkonsum als Copingstrategie aus, statt emotionale Probleme zu thematisieren. Frauen artikulieren demgegenüber häufiger innere Anspannung, Traurigkeit, Ängste und Erschöpfung und nehmen psychologische und medizinische Angebote öfter in Anspruch.
Diese Muster schlagen sich auch in der Diagnosestellung nieder: Ärzt:innen diagnostizieren bei gleicher Symptomschilderung bei Frauen eher eine Depression, während Männer mit ähnlicher Symptomatik seltener eine entsprechende Diagnose erhalten. Das weist auf einen Gender Bias, also eine verzerrte Wahrnehmung durch geschlechtsbezogene Vorurteile und Stereotype, in der klinischen Beurteilung hin.
Epidemiologische Daten legen nahe, dass Frauen zwar häufiger mit depressiven Störungen und Angststörungen in Statistiken auftreten, Männer jedoch häufiger unterdiagnostiziert bleiben und ihre psychische Problematik eher über Sucht, riskantes Verhalten oder Arbeitsüberengagement ausdrücken.
Rollenzuschreibungen wirken sich darauf aus, ob Symptome erkannt, ernst genommen oder verschwiegen werden, und bestimmen damit nicht nur individuelle Bewältigungsstrategien, sondern auch betriebliche Reaktionen auf psychische Auffälligkeiten.
Welche Auswirkungen hat die geschlechtsspezifische Symptomexpression auf den Arbeitsalltag?
Carolin Heemann: Geschlechterstereotype wirken auch in der betrieblichen Beurteilung: Verhalten, das von der geschlechtsrollen-konformen Norm abweicht, wird eher als „auffällig“ und potenziell pathologisch eingestuft, während stereotyp-konformes Verhalten leichter übersehen oder normalisiert wird. So kann etwa ein zurückgezogener, emotional distanzierter männlicher Mitarbeiter als professionell interpretiert werden, während eine ähnlich distanzierte weibliche Mitarbeiterin als schwierig oder nicht teamfähig gilt.
Umgekehrt werden emotionale Reaktionen von Frauen, etwa Tränen in Belastungssituationen, eher als Zeichen psychischer Instabilität gelesen, während vergleichbare Affektausbrüche bei Männern als situative Stressreaktion oder Ausdruck von Engagement gedeutet werden.
Wenn ein Verhalten nicht dem Stereotyp entspricht, kann dies schnell empfunden werden als „da stimmt etwas nicht“; entweder geht es der Person nicht gut oder ihr Verhalten wird als unpassend gewertet.
Solche Wahrnehmungsverzerrungen beeinflussen nicht nur, wer im Unternehmen als belastet gilt, sondern auch, wer Zugang zu Unterstützung, Entwicklungschancen oder Führungsverantwortung erhält und wessen Leistung infrage gestellt wird.
Worauf daher vielmehr zu achten wäre, ist ein verändertes Verhalten im Arbeitskontext. Zeigen Mitarbeitende andere Verhaltensweisen als typisch für sie? Das kann ein Warnsignal sein, unabhängig von der Stereotyppassung.
Was können Unternehmen konkret tun?
Carolin Heemann: Psychische Erkrankungen sind im Arbeitskontext weiterhin stigmatisiert, wobei Männlichkeitsnormen („Stärke“, „keine Schwäche zeigen“) das Offenlegungs- und Hilfesuchverhalten von Männern besonders stark hemmen. Frauen riskieren hingegen, bei offener Thematisierung psychischer Belastungen in stereotype Muster („zu sensibel“, „nicht belastbar“) eingeordnet zu werden, was sich negativ auf Beurteilungen und Karrierepfade auswirken kann.
Für die Praxis wird empfohlen, geschlechtsspezifische Unterschiede im Umgang mit psychischen Belastungen und Erkrankungen im Arbeitskontext zu berücksichtigen. Dabei helfen zum Beispiel Schulungen für Führungskräfte zu Gender Bias und psychischer Gesundheit, geschlechtssensible Gesprächsleitfäden für Mitarbeitendengespräche, Trainings für Mitarbeitende zu geschlechtsspezifischer Stressbewältigung, spezielle Gesundheitstage für Männer und Frauen, anonymisierte Unterstützungsangebote sowie strukturelle Maßnahmen, die Rollenkonflikte (z. B. Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Care-Arbeit) und die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen reduzieren.
Das Ziel sollte eine Organisationskultur sein, in der die Bedingungen am Arbeitsplatz kein zusätzlicher Belastungsfaktor für die psychische Gesundheit darstellen und Betroffene bei Bedarf passende Unterstützung erhalten.
Möchten Sie regelmäßig zu diesen Themen informiert werden?
Lesen Sie monatlich ausgewählte Beiträge und Hintergrundberichte im Newsletter „ias aktuell“. Jetzt aktuelle Ausgabe aufrufen und kostenfrei abonnieren: