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Künstliche Intelligenz in der Medizin: Wie KI Prävention und Longevity verändert

Künstliche Intelligenz kann Krankheiten früher erkennen, individuelle Risiken präziser einschätzen und Prävention stärker personalisieren. Welche Chancen das für ein längeres gesundes Leben eröffnet – und warum ärztliche Einordnung dabei unverzichtbar bleibt, erläutert Dr. med. Jochen Hansel, Leitender Arzt der ias PREVENT GmbH Stuttgart.

Prävention

Dr. med. Jochen Hansel

Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie,
Sportmedizin, Leitender Arzt ias PREVENT GmbH Stuttgart

Portrait Dr. med. Jochen Hansel, ias PREVENT

Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) ist längst fester Bestandteil moderner Medizin und gewinnt im Gesundheitswesen zunehmend an Bedeutung. Systeme, die große Datenmengen analysieren und Muster erkennen, unterstützen bereits heute medizinische Fachkräfte dabei, Diagnosen zu stellen und Therapien vorzubereiten. Ziel der Medizin bleibt dabei unverändert: Krankheiten zu behandeln, ihnen vorzubeugen und ein möglichst langes, gesundes Leben zu ermöglichen.

Wie weit die technologische Entwicklung bereits fortgeschritten ist, zeigt ein Beispiel aus der Herzchirurgie: 2024 wurde am King Faisal Specialist Hospital & Research Centre erstmals eine vollständig robotische Herztransplantation durchgeführt – unterstützt durch KI-gestützte Planung und Durchführung. Der Eingriff erfolgte minimalinvasiv, ohne Öffnung des Brustkorbs, und dauerte rund zweieinhalb Stunden. Für Patient:innen kann ein solcher Ansatz geringere Belastung, weniger Komplikationen und eine deutlich schnellere Erholung bedeuten.

Solche Anwendungen verdeutlichen das enorme Potenzial von KI in der hochspezialisierten Medizin. Für den medizinischen Alltag besonders relevant ist ihr Einsatz jedoch insbesondere im Bereich der Prävention und des gesunden Alterns. Gerade bei der Früherkennung kann KI dazu beitragen, Erkrankungen früher sichtbar zu machen und individuelle Gesundheitsrisiken besser einzuordnen.

Künstliche Intelligenz verändert die Medizin nicht, indem sie ärztliche Entscheidungen ersetzt – sondern indem sie sie besser macht. Entscheidend bleibt die fundierte medizinische Einordnung.

Dr. med. Jochen Hansel

Medizinische Anwendungsbereiche von KI in Deutschland

Mit dem Einsatz von KI-Technologien in der Medizin beginnt eine neue Ära im Gesundheitswesen: Diagnosen können schneller, früher und präziser gestellt, Therapieansätze individueller ausgerichtet und Prozesse effizienter gestaltet werden. 

Zu den wichtigsten Anwendungsbereichen zählen heute die Diagnostik, die personalisierte Medizin, chirurgische Assistenzsysteme, die Verwaltung und Prozessoptimierung sowie die Forschung und Arzneimittelentwicklung. In Deutschland lassen sich derzeit insbesondere drei zentrale KI-Trends in der Medizin beobachten.

1. Predictive Health: KI-gestützte Prävention und Früherkennung

Methoden wie maschinelles Lernen und Deep Learning ermöglichen die detaillierte Analyse großer Datenmengen aus medizinischen Bildern, genetischen Profilen, Laborwerten und digitalen Patientenakten – ein Datenvolumen, das für Ärzt:innen allein kaum in vergleichbarer Geschwindigkeit zu erfassen wäre. Auf dieser Basis kann KI Hinweise auf Erkrankungen liefern, oft noch bevor erste Symptome auftreten, und so eine frühere und gezieltere Prävention unterstützen.

Gleichzeitig eröffnet der Einsatz von KI neue Möglichkeiten, Therapieentscheidungen individueller auszurichten, chirurgische Eingriffe präziser zu planen sowie administrative Prozesse zu vereinfachen und die medizinische Forschung voranzutreiben. Besonders im Bereich der präventiven Medizin gewinnt dies an Bedeutung: Früh erkannte Risiken können auch früher behandelt oder im Idealfall ganz vermieden werden. So trägt KI dazu bei, die sogenannte Healthspan – also die Anzahl der gesunden Lebensjahre – zu verlängern.

Typische Anwendungen im Bereich Predictive Health:

  • Früherkennung von Krebs durch bildgebende Verfahren: KI-gestützte Systeme können beispielsweise Lungenknötchen in CT-, MRT- oder Röntgenbildern erkennen und Auffälligkeiten frühzeitig sichtbar machen. Sie unterstützen damit die ärztliche Befundung und können die Qualität von Screeningprogrammen verbessern.
  • Vorhersage von Herz-Kreislauf-Risiken: Durch die Auswertung von Bilddaten, Laborwerten und klinischen Parametern lassen sich individuelle Wahrscheinlichkeiten für Herzinfarkt oder Schlaganfall präziser abschätzen.
  • Frühdiagnose neurodegenerativer Erkrankungen: Auch bei Erkrankungen wie Alzheimer wird KI eingesetzt, um subtile Veränderungen frühzeitig zu erkennen.
  • Risikomodelle für Stoffwechselerkrankungen: Bei Diabetes oder anderen metabolischen Erkrankungen können datenbasierte Modelle helfen, individuelle Risikoprofile zu erstellen und präventive Maßnahmen frühzeitig einzuleiten.

Die größten Potenziale von KI liegen nicht in der Behandlung bestehender Erkrankungen, sondern darin, Risiken früher zu erkennen und gezielt vorzubeugen.

Dr. med. Jochen Hansel

2. Precision Longevity: Personalisierte Präventionsmedizin

KI steigert die Qualität und Genauigkeit medizinischer Diagnostik: Biomarker (wie etwa Proteine, genetische Sequenzen oder Bilddaten), individuelle genetische Muster, das Mikrobiom, Lebensstilfaktoren sowie medizinische Vorgeschichten können umfassender analysiert und in Beziehung zueinander gesetzt werden. Dadurch wird es möglich, komplexe Zusammenhänge besser zu verstehen und individuelle Risikoprofile differenzierter abzubilden.

Gesundheitsstrategien lassen sich so stärker im Sinne einer personalisierten Prävention an die individuellen Voraussetzungen der einzelnen Patient:innen anpassen – mit dem Ziel, Erkrankungen möglichst früh zu erkennen oder zu vermeiden. Damit rückt nicht nur die Behandlung, sondern vor allem die gezielte Verlängerung gesunder Lebensjahre in den Fokus.

Praxisbeispiele:

  • Individuelle Ernährungs- und Trainingsprogramme: Durch die Analyse des Mikrobioms und weiterer Gesundheitsdaten können Empfehlungen passgenauer auf die einzelnen Klient:innen zugeschnitten werden.
  • Personalisierte Screeningprogramme: Vorsorgeuntersuchungen etwa für Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen können risikoadaptiert geplant und zeitlich individueller gesteuert werden.
  • Individuelle Therapie- und Medikamentenempfehlungen: Genetische Analysen ermöglichen Hinweise darauf, wie gut ein Medikament verstoffwechselt wird, und unterstützen so eine passgenauere Auswahl und Dosierung.
  • Longevity-Strategien: Auf Basis individueller Daten können Maßnahmen abgeleitet werden, die darauf abzielen, altersbedingte Prozesse zu verlangsamen und die Healthspan zu verlängern.

3. Digital Health & Wearables: KI-basierte Self-Health-Systeme

Nicht nur in Arztpraxen und Krankenhäusern spielt KI eine zunehmend wichtige Rolle, sondern auch im Alltag. Apps, Wearables und digitale Assistenten ermöglichen es, Gesundheitsdaten kontinuierlich zu erfassen und auszuwerten. Statt einzelner Messpunkte stehen damit immer häufiger längere Gesundheitsverläufe zur Verfügung, die durch KI analysiert werden können.

So lassen sich beispielsweise Schlaf- und Herzfrequenzdaten, Bewegungsmuster oder Stressindikatoren auswerten, um Veränderungen frühzeitig zu erkennen. Für die Prävention kann das eine wertvolle Ergänzung sein, etwa um Hinweise auf Überlastung, Herzrhythmusstörungen oder andere gesundheitliche Risiken zu gewinnen.

Digitale Daten können wichtige Hinweise geben – aber sie ersetzen keine medizinische Bewertung. Entscheidend ist, sie richtig zu interpretieren und sinnvoll in Prävention zu übersetzen.

Dr. med. Jochen Hansel

Gleichzeitig gilt: Die kontinuierliche Datenerhebung ersetzt keine medizinische Diagnose. Vielmehr dienen die gewonnenen Informationen als Grundlage für eine frühzeitige Einordnung und – im Idealfall – eine anschließende ärztliche Bewertung.

Mehr zu diesem Thema lesen Sie hier: Selbstoptimierung to go? Wearables zwischen Lifestyle und Präventivmedizin

Gute Aussichten auf ein langes, gesundes Leben

Der Einsatz von KI in der Medizin hat das Potenzial, das Gesundheitssystem grundlegend zu verändern – vorausgesetzt, digitale Technologien und ärztliche Expertise greifen sinnvoll ineinander. Statt Erkrankungen erst ab ihrem Auftreten zu behandeln, rücken Vorhersage, Prävention und personalisierte Gesundheitssteuerung weiter in den Fokus.

Auch für Unternehmen und Beschäftigte gewinnt das Thema an Bedeutung: Prävention, Früherkennung und Gesundheitskompetenz werden zu entscheidenden Faktoren für langfristige Leistungsfähigkeit und Arbeitsfähigkeit.

Damit verändert sich auch der medizinische Alltag: Ärzt:innen begleiten Gesundheit zunehmend kontinuierlich, werten Trends aus und arbeiten stärker mit digitalen Biomarkern. Gleichzeitig kann KI dazu beitragen, das Gesundheitssystem zu entlasten – etwa durch effizientere Prozesse, Telemedizin und die Nutzung digitaler Patientenakten. Vor dem Hintergrund eines erwarteten Mangels an Hausärzt:innen bis 2035 gewinnt diese Entwicklung weiter an Bedeutung.

Für den Bereich Longevity eröffnet KI neue Möglichkeiten, individuelle Risiken besser zu verstehen und gezielt gegenzusteuern. Gleichzeitig gilt: Nicht alle Angebote, die unter diesem Begriff vermarktet werden, sind gleichermaßen wissenschaftlich fundiert. Neben evidenzbasierten Ansätzen etabliert sich auch ein Markt von Lösungen, deren Nutzen nicht immer ausreichend belegt ist – etwa im Bereich digitaler Self-Tracking-Angebote oder bestimmter Supplement-Strategien.

Für Einzelne bedeutet das vor allem: Die Grundlagen gesunder Lebensführung bleiben entscheidend – Bewegung, ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf und soziale Faktoren. KI kann helfen, diese Faktoren besser einzuordnen und individuelle Potenziale sichtbar zu machen.

Eine fundierte medizinische Begleitung bleibt dabei unverzichtbar: Sie hilft, Daten richtig zu interpretieren, Fehlbewertungen zu vermeiden und individuelle Maßnahmen sinnvoll abzuleiten. Vor dem Hintergrund eines Mangels an Hausärzt:innen gewinnt dieses Entwicklung an Bedeutung – etwa im Rahmen spezialisierter Check-ups, die individuelle Risiken umfassend erfassen und gezielt in Präventionsstrategien der Healthy Longevity übersetzen.

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