Neujahrsvorsätze: Der Mythos vom perfekten Start ins neue Jahr
Zum Jahreswechsel nehmen wir uns oft viel vor: weniger Fleisch, mehr Sport, ein „besseres Ich“. Doch warum scheitern wir so oft an unseren eigenen Ansprüchen? Diplom-Psychologin Julia Hodgson-Kastien kennt fünf Tipps, mit denen nachhaltige Veränderung wirklich gelingen kann.
Neben religiös geprägten Bräuchen wie der Fastenzeit gibt es im Zeitalter der sozialen Medien viele Anlässe, die Menschen für gezielte Verhaltensänderungen nutzen. Gerade der Jahreswechsel scheint vielen Menschen besonders für den Aufbruch zu einem neuen, optimierten Selbst geeignet. Die Liste lästiger oder als fragwürdig identifizierter Gewohnheiten ist lang – Zucker, Fleisch oder Alkohol sind da lediglich die Spitzenreiter. Die Verheißung? Wer sein Verhalten ändert, wird belohnt mit einem reinen Gewissen, einem neuen Lebensgefühl, Gesundheit und dem unbeschwerten Gefühl: Ich kann endlich stolz auf mich und meinen Körper sein!
Aber lässt sich ein diszipliniertes und tugendhaftes Dasein wirklich per Entschluss einleiten? So sinnvoll und ernstgemeint unsere Neujahrsvorsätze zumeist sind, so zermürbend ist allzu oft die Erkenntnis, dass wir vielleicht zu viel wollten. Wie wäre es also, wir würden unser Vorhaben stattdessen einmal so angehen, dass wirklich nachhaltige Veränderung entsteht und wir mit dem guten Gefühl zurückbleiben, tatsächlich etwas Sinnvolles erreicht und uns weiterentwickelt zu haben?
Wer das eigene Verhalten nachhaltig verändern will, sollte sich fragen: Was sind meine wahren Antreiber? Welches Szenario möchte ich konkret erreichen? Wie sieht ein Fahrplan aus, der zu mir und meinem Alltag passt? Und was wird mir helfen durchzuhalten, wenn Frust aufkommt?
Mit diesen 5 Tipps und Tricks kann es gelingen:
Verbinden Sie Ihre Ziele mit eigenen Werten und Bedürfnissen
Stolperfalle: Oft setzen wir uns Ziele, die einem überhöhten Bild von uns selbst entsprechen – in der Hoffnung, uns dann selbst besser annehmen zu können. Prüfen Sie für sich daher: Welcher Teil meines Ziels hat wirklich etwas mit dem zu tun, was mir wichtig ist und mich ausmacht? Und bei welchem Teil geht es mir vielmehr darum, äußere Erwartungen zu erfüllen oder einer bestimmten gesellschaftlichen Norm zu entsprechen?
Tipp: Fragen Sie sich, welcher persönliche Wert, welches tiefere Bedürfnis sich in Ihrem Vorhaben widerspiegelt. Ließe sich dieses auch auf anderem Wege erfüllen oder mit einem Ziel, dass Ihnen besser entspricht?
Formulieren Sie Ihre Ziele konkret – und machbar!
Stolperfalle: Oft sind unsere Ziele zu abstrakt und kaum im konkreten Handeln unseres Alltags verankert. Wir machen uns zu wenig bewusst, auf welche neue Erfahrung es uns ankommt und welche Entscheidungen und Prioritäten unsere Ziele kurzfristig und langfristig erfordern.
Tipp: Woran würden Sie und die Menschen um sie herum erkennen, dass Sie Ihr Ziel erreicht haben? Bleiben Sie hier ganz bei der sinnlichen Wahrnehmung: Woran könnten Sie oder andere es konkret beobachten und genau festmachen? Was würde dadurch erlebbar anders und wie würden Sie selbst und andere auf diese Veränderung reagieren? Legen Sie außerdem fest, durch welche Verhaltensweisen Sie bisherige Gewohnheiten ergänzen oder ersetzen werden und treffen Sie alle notwendigen Vorkehrungen, damit dies gelingt. Ein reiner Verzicht kann es einem schwer machen. Besser ist es, wenn Sie Ihren Fokus bewusst darauf richten, was Sie in den betreffenden Situationen zukünftig tun wollen und was Sie dadurch gewinnen werden.
Die Strategie der kleinen Schritte
Stolperfalle: Oft vernachlässigen wir bei unseren Überlegungen den Weg zum Ziel. Hinzu kommt: Wir denken häufig in zu großen Etappen und scheitern dann nicht selten bereits am Loslegen.
Tipp: Fragen Sie sich, welche einzelnen Schritte Sie zu Ihrem Ziel führen und an welchen Meilensteinen Sie innehalten, Erreichtes würdigen und noch zu Bewältigendes neu angehen können. Erscheint Ihnen ein Schritt zu herausfordernd, fragen Sie sich: Was wäre ein erster kleiner Schritt dahin? Erscheint ein Schritt banal, fragen Sie sich: Und welcher Schritt wäre so groß, dass er einen Unterschied zum vorherigen Zustand bewirken würde? Und bei allem: Bleiben Sie offen für kurzfristige Änderungen!
Nutzen Sie die Kraft Ihrer Ressourcen!
Stolperfalle: Die Idee eines Aufbruchs oder Neuanfangs täuscht uns häufig darüber hinweg, dass wir gar nicht bei null anfangen! Oft haben wir schon einen Teil der Wegstrecke hinter uns gebracht und können auf erste Erfahrungen oder Lernerfolge in anderen Lebensbereichen zurückgreifen.
Tipp: Bevor Sie aufbrechen, machen Sie sich bewusst, worauf Sie bauen können. Überlegen Sie, welche Eigenschaften, Fähigkeiten und Erfahrungen zum Fundament gehören, von dem aus Sie starten: Was haben Sie in früheren Veränderungsprozessen über sich gelernt, das Ihnen jetzt helfen kann? Vielleicht kennen Sie Menschen, die Sie inspirieren und ermutigen oder mit denen Sie Ihr Ziel sogar gemeinsam angehen können. Könnte ein „Buddy“ helfen, motiviert zu bleiben? Wo und wie gelingt es Ihnen schon jetzt, Ihre Vision im Kleinen zu verwirklichen? Welche Vorlieben, Kompromisse oder kleinen Belohnungen erleichtern es Ihnen, durchzuhalten?
Die Königsdisziplin: Durchhaltefähig werden
Stolperfalle: Kaum ist der Zauber des Anfangs verflogen, führt das Alles-oder-Nichts-Prinzip nicht selten dazu, dass wir aufgeben und uns lieber ein Scheitern oder Unvermögen attestieren, um uns der hohen Erwartungen an uns selbst zu entledigen. Unser Selbstwert erleidet dabei mitunter eine prägende Niederlage: Wir sind von uns selbst und unserem vermeintlichen Mangel an Disziplin und Durchhaltevermögen enttäuscht. Wieder nicht gut genug gewesen! Dabei ist absehbar: Neue Fähigkeiten zu erlernen und neue Gewohnheiten zu etablieren, erfordert oft Beharrlichkeit und Disziplin. Denken Sie an ein Kind, dass laufen lernt!
Tipp: Begleiten Sie sich selbst mit offener, wohlwollender Beobachtung und stellen Sie sich darauf ein, für einige Zeit auch Frustration auszuhalten. Gehen Sie die Veränderungen flexibel und mit Nachsicht an. Erkennen Sie Hindernisse frühzeitig, holen Sie sich bei Bedarf Unterstützung und bleiben Sie geduldig mit sich selbst. Veränderung ist am Ende eine Kette vieler Entscheidungen für das Neue, Andere – entscheidend sind Ausdauer und die Bereitschaft, auch nach Rückschlägen immer wieder neu anzufangen. Dabei bleibt wichtig, Ziele gegebenenfalls anzupassen oder auch einmal loszulassen, wenn sie nicht mehr passen.
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