Der neue Bewerbungsprozess für Disponent:innen bei der eurobahn
Der von ias-Arbeitspsycholog:innen entwickelte neue Auswahlprozess von Leitstellenmitarbeitenden hat die Abbrecherquote bei der eurobahn halbiert!
Fallbeispiel
Wer in Nordrhein-Westfalen mit der Eisenbahn von einem zum anderen Ort gelangen möchte, steigt mit großer Wahrscheinlichkeit des Öfteren in einen Zug der eurobahn GmbH & Co. KG ein. Denn das bevölkerungsreichste Bundesland Deutschlands ist die Kernregion des 1999 gegründeten Unternehmens. Den rund 18,1 Millionen Einwohner:innen stehen insgesamt 776 Haltestellen zur Verfügung, die sich entlang eines 3.927 Kilometer langen Schienennetzes, das 117,7 Millionen Zugkilometer umfasst, befinden. Ob von Münster nach Bielefeld, von Dortmund nach Soest oder von Düsseldorf nach Hamm: Die eurobahn befördert seit dem Jahr 2000 zuverlässig Fahrgäste und erbringt in Nordrhein-Westfalen eine Transportleistung nach Zug-Kilometern von 13,1 %. Neben dem Unternehmenssitz in Düsseldorf und zwei Werkstätten sowie 15 Meldestellen in Hamm und Bielefeld, befindet sich die Leitstelle des Unternehmens in Duisburg. Dort arbeiten Disponent:innen tagtäglich daran, dass der Bahnbetrieb der eurobahn reibungslos, pünktlich und sicher abläuft. Ihr Arbeitsalltag ist von Herausforderungen geprägt und erfordert viel Verantwortungsbewusstsein und Teamfähigkeit. Um einen entsprechend geeigneten Bewerbungsprozess zu etablieren und möglichst früh zu erkennen, welche Bewerber:innen sich für die anspruchsvolle Tätigkeit eignen, beauftragte die eurobahn die ias-Gruppe im Juli 2024 mit der Erarbeitung eines neuen Auswahlverfahrens von Leitstellenmitarbeitenden.
Wir nehmen in der Zusammenarbeit mit verschiedenen Unternehmen wahr, dass die Besetzung von Dispositions- und Leitstellenpositionen vielerorts eine Herausforderung darstellt.
Zusammenarbeit auf Augenhöhe
Die Zusammenarbeit beider Unternehmen besteht bereits seit 2010. Die ias führt für die eurobahn unter anderem Eignungs- und psychologische Untersuchungen durch, stellt die psychologische Hotline für die Mitarbeitenden bereit und betreut den Bereich Gesundheitsmanagement. Für die Implementierung des neuen Auswahlverfahrens für Disponent:innen erarbeitete ein Team des Fachbereichs Psychologie einen mehrstufigen Bewerbungsprozess, der speziell auf die hohen Anforderungen an Leitstellenmitarbeitende zugeschnitten ist. Gleichzeitig eröffnet es Bewerber:innen und den Führungs- und Fachkräften der eurobahn aber auch die Möglichkeit, sich auf fachlicher und zwischenmenschlicher Ebene kennenzulernen. Denn: die Chemie im Team muss stimmen. Janina Klinger, Arbeitspsychologin bei der ias-Gruppe, erklärt: „Die Tätigkeit in der Leitstelle ist sehr anspruchsvoll. Sie verlangt gleichzeitig hohe Konzentration, Entscheidungsfreude und Teamfähigkeit. Bewerbende sollten daher nicht nur fachliche Kenntnisse, sondern auch psychische Belastbarkeit, Kommunikationsstärke und Flexibilität mitbringen.“
Um passgenaue Konzepte und Prozesse zu entwickeln, arbeiten sich Janina Klinger und ihre Kolleg:innen stets intensiv in die bestehenden Unternehmensstrukturen ein. „Am Anfang steht für uns immer ein genaues Verstehen der Arbeitsrealität neben einer profunden Auftragsklärung. Dann führen wir Interviews mit den verantwortlichen Führungskräften, HR und einer Auswahl an Mitarbeitenden durch, machen Job-Shadowings vor Ort und lassen uns die Abläufe und Herausforderungen zum Beispiel in der Leitstelle zeigen. Ebenso wichtig sind dann in der Folge ausführliche Einzelgespräche mit aktuellen Stelleninhabern, um sowohl die formalen Anforderungen als auch die weichen Faktoren wie Belastungen, Kommunikationswege und Teamkultur zu erfassen“, erläutert die Arbeitspsychologin. Nach der Auswertung aller verfügbaren und zusammengetragenen Daten beginnen die Expert:innen der ias mit der Ausarbeitung eines passgenauen Konzepts. Im Falle der eurobahn galt es, geeignete Rahmenbedingungen zu konstruieren, um Bewerber:innen sowie dem Unternehmen Klarheit zu verschaffen: Wer ist für die anspruchsvolle Tätigkeit in der Leitstelle tatsächlich und langfristig geeignet?
Ein entsprechendes Auswahlverfahren kann nicht nur auf fachlichen Auswahlkriterien basieren, sondern muss vor allem das Potential der Kandidaten und persönliche Eignungsmerkmale offenlegen
Der neue Bewerbungsprozess ist ein Erfolgsmodell
„Die große Herausforderung bei der Einstellung von Leitstellendisponenten ist, dass es für diesen Beruf de facto keinen Arbeitsmarkt gibt, da die Disponententätigkeit kein klassischer Ausbildungsberuf ist. In der Regel arbeiten wir neue Kolleg:innen immer komplett ein beziehungsweise bilden sie aus. Die Ausbildung stemmen wir intern. Ein entsprechendes Auswahlverfahren kann also nicht nur auf fachlichen Auswahlkriterien basieren, sondern muss vor allem das Potential der Kandidaten und persönliche Eignungsmerkmale offenlegen“, erklärt Don Joy Stallbaum, der bei der eurobahn als Bereichsleiter Betrieb tätig ist.
Janina Klinger bestätigt: „Wir nehmen in der Zusammenarbeit mit verschiedenen Unternehmen wahr, dass die Besetzung von Dispositions- und Leitstellenpositionen vielerorts eine Herausforderung darstellt. Genau hier können wir mit unserer psychologischen Expertise unterstützen – indem wir die Anforderungen systematisch erfassen, passgenaue Auswahlverfahren entwickeln und Arbeitgebern wie Bewerbenden Orientierung geben.“
Unsere Leistungen in der Notfallpsychologie und dem Krisenmanagement
Der von der Arbeitspsychologin und ihrem Team entwickelte neue Bewerbungsprozess umfasst aus diesem Grund mehrere Stufen. Wer es als Bewerber:in nach einem ersten Kennenlerngespräch, welches online durchgeführt wird, und einem zweiten Gespräch vor Ort in die dritte Runde schafft, absolviert eine Hospitation direkt in der Leitstelle. Im Anschluss daran geben auch die Hospitation begleitenden Disponent:innen der eurobahn anhand von standardisierten Fragebögen Feedback: Wie war ihr fachlicher und zwischenmenschlicher Eindruck von den Bewerber:innen? Im Rahmen der Hospitation müssen die Bewerber auch mehrere (4) kleine Eignungstests schreiben, welche durch die ias entwickelt worden sind. Diese schaffen neben dem subjektiven Eindruck aus den Gesprächen eine objektive Vergleichsbasis, welche in die Auswahlentscheidung einfließt. Janina Klinger und ihrem Team ging es dabei vor allem darum, die Mitarbeitenden der eurobahn zu befähigen, den neuen Bewerbungsprozess und ein anschließendes Onboarding intern und mit eigenen Ressourcen durchführen zu können. Ein zuverlässiges Modell – und eines, das auf Langfristigkeit ausgelegt ist. Don Joy Stallbaum bestätigt abschließend: „Die Abbrecherquote hat sich seit der Einführung des neuen Bewerbungsprozesses mehr als halbiert. Das bewerten wir als spürbaren Erfolg.“
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