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Gefährdungsbeurteilung: Gesunde Psyche für die AOK-Mitarbeiter

Eine Gefährdungsbeurteilung zeigt, was Menschen am Arbeitsplatz psychisch belastet, und hilft, Stress gezielt vorzubeugen. Davon profitieren die Mitarbeiter, aber auch das Unternehmen – wie das Beispiel AOK Baden-Württemberg zeigt.

Praxisreport

Gefährdungsbeurteilung, Gesundheit, Psyche, Arbeit, AOK

Vor drei Jahren begann mit der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen (GB psych) ein neues Kapitel im internen Gesundheitsmanagement der AOK Baden-Württemberg. Die im Rahmen einer GB psych gewonnenen Antworten dienen gezielt der Gesundheitsprävention. Psychische Belastungen am Arbeitsplatz sollen aufgespürt, Krankheiten sowie Arbeitsausfällen soll vorgebeugt werden. Obwohl der Gesetzgeber bereits seit 2013 die Durchführung einer GB psych explizit vorschreibt, schreitet die Umsetzung in deutschen Unternehmen nur langsam voran. Nicht so bei der AOK Baden-Württemberg. Für Anne Kiefer vom Referat Personalkonzepte/Strategien, die das Programm unternehmensweit koordiniert, liefert die GB psych wichtige Erkenntnisse für das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) und gibt Hinweise für Veränderungsprozesse im Unternehmen – sei es der Umzug in Großraumbüros oder die Umstellung auf digitalisierte Arbeitsprozesse.

Ein Beispiel: Seit die Pflegeanträge papierlos bei den Mitarbeitern landen, läuft niemand mehr zur Poststelle oder zum Drucker. „Dafür nimmt die Zeit vor dem Bildschirm weiter zu“, beobachtet Anne Kiefer. Ihr Fazit: Die Digitalisierung und andere  Change-Prozesse krempeln die Art, wie wir arbeiten, um und müssen durch BGM-Maßnahmen wie eine GB psych begleitet werden.

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Mehr als "nur" eine Befragung: Die GB psych ermöglicht Dialoge und verbesserte Arbeitsbedingungen.
AOK/Norman Guttandin

Arbeiten in Balance

Die AOK Baden-Württemberg hat sich zur Durchführung des Programms die ias-Gruppe als erfahrenen Berater an die Seite geholt. Allein den langen Namen „Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen“ fand die AOK etwas zu sperrig für ein Programm, das Mitarbeiter verstehen und aktiv unterstützen sollen. „Arbeiten in Balance“ lautet daher der hauseigene Titel. Er könnte nach ias-Psychologe Dr. Thomas Fröschl nicht treffender sein. Für ihn ist „die richtige Balance das A und O für unsere Gesundheit – auch am Arbeitsplatz“.

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In den Büros der AOK Baden-Württemberg, aber ebenso in Werkshallen produzierender Unternehmen und anderen Arbeitsstätten können positive Faktoren wie ausreichende Erholungsphasen, die Planbarkeit der Arbeit oder Wertschätzung durch den Vorgesetzten auf negative Belastungen / Stressoren treffen. Dazu zählen etwa Lärm, Zeitdruck oder Konflikte mit Kollegen. „Die Gewichtung der positiven und negativen Einflüsse sollte ausbalanciert sein, sonst kippen wir in ein schädliches Ungleichgewicht“, so Fröschl mit Blick auf das Phänomen psychische Leiden, die in den letzten Jahren zugenommen haben. Eine Entwicklung, welche die Gesundheitskasse genau verfolgt: So liegen psychische Erkrankungen inzwischen auf Platz drei der Ursachen für Arbeitsunfähigkeit* und sind häufig Anlass für eine Frühberentung.

Frühberentung vermeiden

Es gibt also viele Gründe für eine GB psych. Doch die muss laut Experte Fröschl zum Unternehmen passen und auf die jeweiligen Tätigkeitsbereiche zugeschnitten sein. Für die AOK Baden-Württemberg heißt das: Bis zum Abschluss des Programms in zwei Jahren wird jeder der rund 11.000 Mitarbeiter einen für seinen Bereich passgenauen Online-Fragebogen erhalten haben. Ob Lärmpegel, eine neue Software, ständiges Multitasking oder Unterbrechungen – jeder Angestellte bekommt die Gelegenheit, anonym zurückzumelden, was am Arbeitsplatz stresst, wie sich das auf die eigene Produktivität auswirkt und wo Abhilfe notwendig ist.

Bild von Anne Kiefer der AOK Baden-Württemberg.

Indem wir belastende Themen ans Licht holen, stärken wir nicht nur unser Image als Gesundheitskasse, sondern letztendlich auch das Vertrauen in uns als Unternehmen.

Anne Kiefer

AOK Baden-Württemberg

Damit sich viele Mitarbeiter beteiligen, braucht es eine breite Informationskampagne. „Die Belegschaft muss Ablauf und Zielstellung kennen und wissen, dass nicht der Gesundheitszustand der Mitarbeiter untersucht wird, sondern die Arbeitsbedingungen“, betont Fröschl. Mehrmals stand der Experte im Mitarbeitermagazin und bei internen Events Rede und Antwort und warb gemeinsam mit dem AOK-Team für das Programm, durch das jeder Einzelne etwas verändern kann. „Führungskräfte sind dabei ein entscheiden- der Hebel. Mit den Auswertungen der ias geben wir  ihnen klar umrissene Handlungsfelder an die Hand, die sie gemeinsam mit ihren Teams bearbeiten können“, erklärt Anne Kiefer. Interne Schulungen oder eine eigens geschaltete Hotline befähigen die Führungskräfte für diese Aufgabe.

Maßnahmen, die Früchte tragen

Die Mühe fruchtet. Standort für Standort entstehen Dialoge und Maßnahmen. Manches Problem kann bereits durch räumliche und organisatorische Anpassungen im Team selbst gelöst werden und muss „einfach nur mal“ thematisiert werden. Bürolärm wird zum Beispiel durch „ruhige Stunden“ reduziert, in denen das Telefon zu Kollegen umgestellt werden darf. So entsteht auch ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Neue Meeting-Bereiche geben jenseits der Schreibtische Raum für einen kreativen Austausch. Ein Büroknigge sensibilisiert Mitarbeiter für gegenseitige Rücksichtnahme.

„Indem wir belastende Themen ans Licht holen, stärken wir nicht nur unser Image als Gesundheitskasse, sondern letztendlich auch das Vertrauen in uns als Unternehmen“, ist Kiefer überzeugt.

Für Thomas Fröschl steht fest: „Viele Arbeitgeber sehen bisher nur den Aufwand, nicht aber die Chancen, die eine GB psych bietet. Dabei zeigen Beispiele wie das der AOK Baden-Württemberg, wie alle Seiten profitieren und ein ‚Arbeiten in Balance‘ möglich wird.“ Wichtig sei ein transparenter Prozess, an dem sich die Beschäftigten beteiligten und an dessen Ende zielgerichtete Maßnahmen stünden: „Maßnahmen, die Fehlbelastungen nachweislich verringern und die Ressourcen der Mitarbeiter stärken.“

Bild von Thomas Fröschl

Kritische Klippen sicher umschiffen

Der ias-­Psychologe Dr. Thomas Fröschl weiß, wie Unternehmen von einer Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen profitie­ren können und worauf sie bei der Umsetzung achten sollten.

So profitieren Unternehmen:

  • Mehr Verständnis und Akzeptanz für das Thema psychische Belastungen
  • Wichtige Hinweise für die gesundheitsförderliche Gestaltung von Arbeitsplätzen
  • Mitarbeiterbindung und I mageaufwertung

Das gilt es zu beachten:

  • Klare Absprachen zwischen Kunde und Berater hinsichtlich Inhalte, Methode, Verlauf und Kalkulation der GB psych
  • Passgenaue Datenschutz v erein­ barung
  • Beteiligung der Arbeitnehmer­ vertretungen
  • Richtiges Timing der Befragung
  • Rechtssichere Umsetzung
     

*Quelle: www.wido.de/publikationen-produkte/buchreihen/fehlzeiten-report/2019/


Headerbild: AOK/Oliver Bayer, Portrait Anne Kiefer: AOK, Portrait Dr. Thomas Fröschl: ias-Gruppe

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