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Neue Wege in der Adipositastherapie

Über die gesundheitlichen Risiken von übermäßigem Übergewicht und moderne Wege der Adipositastherapie – Dr. med. Herbert Sterzik, leitender Arzt der ias PREVENT in Frankfurt am Main, stellt die neuesten Erkenntnisse vor.

Prävention

Eine übergewichtige Frau sitzt auf einem Stuhl. Ihr Blick ist abgewandt.

Dr. med. Herbert Sterzik

Leitender Arzt ias PREVENT Frankfurt/Main, Mitglied der Geschäftsleitung, Facharzt für Innere Medizin/Flugmedizin/ Notfallmedizin/Sportmedizin, Flugmedizinischer Sachverständiger, Ernährungsmedizin (DGEM), Männermedizin (cmi)/Präventivmedizin (DAPM)

Dr. Herbert Sterzik, Standortleiter ias PREVENT Frankfurt

Adipositas: Eine Erkrankung, die Stigmatisierungen auf vielen Ebenen birgt

Bodyshaming ist ein Begriff, der uns seit der Social Media-Ära bald täglich begleitet. Adipositas, also übermäßiges Übergewicht, spielt im Zusammenhang mit Bodyshaming eine prägnante Rolle. Denn oftmals wird übermäßiges Übergewicht von der Gesellschaft als eine Art Entscheidung betrachtet. Die landläufige Meinung: Wer stark übergewichtig ist, kann oder will sich beim Essen nicht beherrschen, bewegt sich zu wenig und isst zu viel Fastfood. Das diese durch Vorurteile markierte Annahme ein Trugschluss ist, beweist die medizinische Einordnung und Definition der Erkrankung Adipositas.

Etymologisch leitet sich das Wort Adipositas vom lateinischen Substantiv adeps ab, was „Fett“, „fettes Fleisch" oder „Wohlbeleibtheit“ bedeutet. So wird der Begriff in der öffentlichen Debatte häufig gleichgesetzt mit „Fettleibigkeit“ oder „Fettsucht“. Adipositas ist jedoch heute als chronische, multifaktorielle Erkrankung anerkannt, die weit über die ästhetischen Charakteristika hinausgeht. Dennoch werden Betroffene trotz wachsender gesellschaftlicher Aufklärung um die Erkrankung Adipositas immer noch stigmatisiert und mit Schuldzuweisungen konfrontiert. 

Der Medienleitfaden der Deutschen Adipositas-Gesellschaft zeigt: Leichtes Übergewicht wird meistens gesellschaftlich toleriert und zum Teil positiven Charaktereigenschaften wie „humorvoll“ und „gesellig“ zugewiesen. Stark übergewichtige Menschen gelten dagegen überwiegend als unästhetisch. Adipositas-Erkrankten wird häufig unterstellt, sie seien zu bequem, um abzunehmen, zu langsam oder generell zu willensschwach. All diese Vorurteile unterstellen stark übergewichtigen Menschen, dass ihre Erkrankung kontrollierbar sei. Folglich entsteht in der Gesellschaft die Falschannahme, die Erkrankten seien selbst für ihre Adipositas verantwortlich.

Und nicht nur auf sozialer Ebene, sondern auch im Gesundheitswesen und im wirtschaftlichen Kontext betrachtet, wird Adipositas als eine Art Herausforderung angesehen. Schließlich wird der Erkrankung angelastet, sie würde die Produktivität am Arbeitsplatz und das Wohlbefinden der Mitarbeitenden beeinträchtigen und somit Kosten verursachen. So werden die direkten und indirekten Kosten adipositasbedingter Erkrankungen der Deutschen Adipositas-Gesellschaft zufolge alleine hierzulande auf circa 63 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt, die unter anderem durch Fehlzeiten, Frühberentungen und Produktivitätsverluste entstehen sollen.

Adipositas ist keine willentliche Entscheidung, sondern eine chronische Erkrankung mit komplexen Ursachen.

Dr. med. Herbert Sterzik

ias PREVENT in Frankfurt am Main

Die wissenschaftlich-medizinische Definition von Adipositas und ihre Prävalenz

Das Robert-Koch-Institut stuft 53 Prozent der Erwachsenen in Deutschland als übergewichtig (einschließlich adipös) ein, 19 Prozent als adipös. Weiterhin spricht die WHO von einer globalen Adipositas-Epidemie, da die Zahl der Betroffenen in den letzten Jahren massiv angestiegen ist. Laut der Weltgesundheitsorganisation umfasst die Definition von Adipositas einen Body-Mass-Index (BMI) von ≥ 30 kg/m². Zudem legt die WHO verschiedene Schweregrade, Adipositas Grad I–III, fest, deren Abstufungen je nach Schweregrad das Risiko für Folgeerkrankungen weiter erhöhen.

Die Deutsche Adipositas Gesellschaft bietet einen kurzen Überblick an BMI-Werten, die in Zusammenhang mit Folgeerkrankungen stehen:

Tabelle, die darstellt: Gewichtsklassifikation bei Erwachsenen anhand des BMI Canva/ias-Gruppe

Die medizinische Schlussfolgerung: Fast alle geläufigen Zivilisationskrankheiten stehen in Zusammenhang mit Übergewicht. So sind circa 80 Prozent der Typ-2-Diabetiker übergewichtig, zudem besteht ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, koronare Herzerkrankung, Schlaganfall, bestimmte Krebsarten und orthopädische Probleme.

Medikamentöse Therapieformen in der modernen Medizin

Um Adipositas-Patient:innen mit einem BMI ≥30 oder ≥27 mit mindestens einer gewichtsassoziierten Begleiterkrankung neben Lebensstilinterventionen (Förderung von körperlicher Aktivität, gesunde Ernährung, Stressabbau, etc.) eine umfassende Behandlung anbieten zu können, ermöglicht die moderne Medizin Betroffenen seit einigen Jahren medikamentöse Therapiemaßnahmen, die gezielt in den Stoffwechsel eingreifen. Auch bei einem BMI ab 25 kg/m2 mit einer „Waist-to-Height Ratio“ ab 0,5 oder wenn medizinische, funktionelle oder psychologische Beeinträchtigungen oder Komplikationen vorliegen, kann nach Einschätzung der Fachgesellschaft eine behandlungsbedürftige Adipositas vorliegen. Der Waist-To-Height-Ratio beziehungsweise das Verhältnis von Taille zu Größe zeigt an, wie das Körperfett am Körper verteilt ist. Es hilft dabei einzuschätzen, ob durch Übergewicht ein gesundheitliches Risiko besteht. Für die Berechnung wird der Taillenumfang – in Höhe des Bauchnabels gemessen – durch die Körpergröße geteilt.

Liegt eine behandlungsbedürftige Adipositas vor, empfiehlt die EASO sogenannte GLP-1-Analoga und Dualagonisten wie Semaglutid und Tirzepatid, die das Sättigungsgefühl verstärken, was folglich zu einer Reduktion der Nahrungsaufnahme führt.

In schwerwiegenden Fällen, d.h. ab einem BMI von 40 kg/m², beziehungsweise ab 35 kg/m² bei Komplikationen oder Folgekrankheiten und ab 30 kg/m², wenn sich der Blutzucker bei Typ-2-Diabetes trotz optimaler Therapie nicht ausreichend kontrollieren lässt, raten Fachärzte hingegen zu einer bariatrischen Operation, einer sogenannten Magenverkleinerung durch einen Schlauchmagen oder Magenbypass. In großen Studien (z. B. STEP 1) konnte mit Semaglutid eine durchschnittliche Gewichtsreduktion um 15 bis 20 Prozent erreicht werden. Auch Begleiterkrankungen wie Typ-2-Diabetes und Bluthochdruck verbessern sich signifikant. Zudem verzeichnet die aktuelle ESSENCE-Studie der Charité positive Auswirkungen bei einer metabolisch assoziierten Steatohepatitis (MASH) – eine schwere, entzündliche Form der Fettleber, die durch Stoffwechselstörungen wie Übergewicht, Typ-2-Diabetes und Dyslipidämie entsteht.  Nach 72 Wochen verdoppelte Semaglutid im Vergleich zu Placebo die Wahrscheinlichkeit einer Rückbildung der Steatohepatitis und verbesserte die Fibroserückbildung, während es gleichzeitig zu einem deutlichen Gewichtsverlust und umfassenderen metabolischen Verbesserungen führte.

Interessant ist: Auch im Kontext der Rauchentwöhnung können GLP-1-Agonisten helfen – und viele Menschen scheuen den Rauchstopp, da sie eine Gewichtszunahme fürchten. GLP-1-Agonisten beeinflussen aktiv das zentrale Belohnungssystem. Zwar zeigte eine Studie des Uniklinikums Basel bei der Verabreichung von Dulaglutid keinen ausschlaggebenden Effekt auf die Abstinenzquote nach sechs Monaten (Placebo: 65 Prozent, Dulaglutid: 63 Prozent). Auffallend ist jedoch, dass 24 Prozent der Frauen (vs. 5 Prozent bei Männern) aus der Placebogruppe nach einem Rauchstopp deutlich mehr Gewicht auf die Waage brachten (> 6 Prozent des Ausgangsgewichts) als jene aus der Dulaglutid-Gruppe – hier betraf es nur 1 Prozent der Frauen.

Um die Risiken und Nebenwirkungen von Abnehmpräparaten wie gastrointestinale Beschwerden, Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung) oder auch des – seltenen – NAION (akuter, schmerzloser Sehverlust) richtig abschätzen zu können, bedarf es einer kontinuierlichen ärztlichen Kontrolle. Von einer Eigenmedikation und -beschaffung durch inoffizielle Online-Quellen, beispielsweise durch Social Media-Anbieter, wird strengstens abgeraten. 

Um einen nachhaltigen Therapieerfolg erreichen zu können, müssen Medikamente, Ernährungsberatung, Bewegungspläne und Verhaltenstherapie miteinander kombiniert werden.

Dr. med. Herbert Sterzik

ias PREVENT in Frankfurt am Main

Adipositas ist keine willentliche Entscheidung, sondern eine chronische Erkrankung mit komplexen Ursachen, die häufig auf genetische, hormonelle, psychische und soziale Probleme bzw. Komplikationen zurückzuführen ist. Umso wichtiger erscheint es auch im beruflichen und gesellschaftlichen Kontext über diese Erkrankung aufzuklären, Betroffene zu unterstützen, nicht auszugrenzen und Diskriminierungen durch Vorurteile entgegenzuwirken. Unternehmen stehen somit in der Verantwortung, sich aktiv gegen Stigmatisierungen einzusetzen und an Adipositas erkrankten Mitarbeitenden Therapieangebote, wie beispielsweise entsprechende Workshops oder Coaching durch die ias PREVENT, auch innerbetrieblich zu ermöglichen.

Moderne Medikamente bieten zwar vielversprechende neue Wege, bedingen jedoch zu jeder Zeit eine ärztliche Begleitung. Zudem bilden sie nur eine Teilmaßnahme eines ganzheitlichen Therapiekonzepts und sollten nicht als Wundermittel betrachtet werden – zumal die Kostenübernahme der Krankenkassen trotz Krankheitseinstufung nicht gewährleistet ist.

Sie wollen mehr über Ihren Gesundheitszustand erfahren und herausfinden, ob eine medikamentöse Adipositas-Behandlung für Sie infrage kommt? Holen Sie sich dazu ärztlichen Rat in Ihrem nächsten Check-up.

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