Vom Regelwerk zum Steuerungsinstrument: 30 Jahre Arbeitsschutzgesetz
Heute vor 30 Jahren wurde das Arbeitsschutzgesetz beschlossen und trat kurz darauf in Kraft. Seitdem hat sich die Arbeitswelt stark verändert. Digitalisierung, neue Arbeitsformen und der Fachkräftemangel stellen Unternehmen vor neue Herausforderungen. Gleichzeitig bleibt das Ziel unverändert: Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten wirksam zu schützen.
Arbeitsschutz
Markus Hey, Kompetenzfeldleiter Arbeitssicherheit bei der ias-Gruppe, über die Bedeutung des Arbeitsschutzgesetzes heute, den richtigen Umgang mit Bürokratie und die Zukunft eines wirksamen Arbeitsschutzes.
Markus Hey
Sicherheitsingenieur und Kompetenzfeldleiter Arbeitssicherheit bei der ias-Gruppe
Herr Hey, welche Bedeutung hat das Arbeitsschutzgesetz 30 Jahre nach seiner Einführung für Unternehmen heute?
Markus Hey: Das Arbeitsschutzgesetz bildet bis heute die Grundlage für einen systematischen und präventiven Arbeitsschutz. Seine besondere Stärke liegt darin, dass es Unternehmen dazu verpflichtet, die tatsächlichen Gefährdungen im eigenen Betrieb zu betrachten und geeignete Maßnahmen abzuleiten.
Gerade deshalb ist das Gesetz auch heute noch hochaktuell. Es schafft den Rahmen, damit Unternehmen Arbeitsschutz nicht als Einzelmaßnahme verstehen, sondern als kontinuierlichen Prozess. Die zentrale Frage lautet dabei immer: Welche Maßnahmen tragen konkret zur Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten bei?
Viele Unternehmen verbinden Arbeitsschutz vor allem mit gesetzlichen Pflichten und Dokumentation. Wie ordnen Sie das ein?
Markus Hey: Dieses Verständnis greift aus meiner Sicht eindeutig zu kurz. Natürlich gehören Dokumentation und Rechtssicherheit zum Arbeitsschutz dazu. Entscheidend ist aber die Wirksamkeit. Eine vollständige Dokumentation allein macht noch keinen sicheren Arbeitsplatz.
Arbeitsschutz entfaltet seinen Nutzen erst dann, wenn Risiken erkannt, bewertet und wirksame Maßnahmen umgesetzt werden. Normkonformität ersetzt keine Wirksamkeit. Dokumentation ist wichtig, aber sie ist Mittel zum Zweck und kein reiner Selbstzweck.
30 Jahre Arbeitsschutzgesetz zeigen: Gute Arbeitsschutzarbeit entsteht nicht durch möglichst viele Dokumente, sondern durch wirksame Entscheidungen. Die Zukunft gehört einem Arbeitsschutz, der schützt, wirkt und Unternehmen dabei unterstützt, den Herausforderungen einer sich wandelnden Arbeitswelt erfolgreich zu begegnen.
Immer wieder wird über Bürokratie im Arbeitsschutz diskutiert. Brauchen Unternehmen heute weniger Vorgaben?
Markus Hey: Die Diskussion wird häufig als Gegensatz zwischen Bürokratieabbau und Arbeitssicherheit geführt. Ich halte das für irreführend. Hohe Schutzstandards und praktikable Lösungen schließen sich nicht aus. Entscheidend ist, dass Arbeitsschutz dort wirkt, wo tatsächliche Gefährdungen bestehen.
Nicht jede Tätigkeit und nicht jede Gefährdung erfordert denselben Aufwand. Gute Arbeitsschutzarbeit bedeutet, Risiken fachlich zu bewerten, Prioritäten zu setzen und sich auf die wirklich relevanten Themen zu konzentrieren. Arbeitsschutz lässt sich nicht allein über Checklisten organisieren.
Das bedeutet nicht, auf Nachweise zu verzichten. Wir brauchen nachvollziehbare und belastbare Nachweise, die sich auf die wesentlichen Risiken und Maßnahmen konzentrieren. Entscheidend ist nicht die Menge der Dokumentation, sondern ihre Aussagekraft.
Darin sehen wir auch unsere Aufgabe: Wir unterstützen Unternehmen dabei, gesetzliche Anforderungen, fachliche Standards und die betriebliche Realität sinnvoll zusammenzubringen. Es geht darum, Orientierung zu geben und Unternehmen bei der Umsetzung wirksam und verantwortungsvoll zu begleiten.
Weniger unnötiger Verwaltungsaufwand bedeutet nicht weniger Arbeitsschutz. Im Gegenteil: So bleibt mehr Zeit für wirksame Prävention und praktikable Lösungen.
Die Aufgaben der Fachkraft für Arbeitssicherheit
Welche Rolle werden Digitalisierung und Künstliche Intelligenz für die Zukunft des Arbeitsschutzes spielen?
Markus Hey: Die Potenziale sind groß. Digitalisierung und KI können Routineaufgaben beschleunigen, Informationen strukturieren und dabei helfen, Muster oder Auffälligkeiten schneller zu erkennen.
Dadurch entsteht mehr Raum für die eigentliche fachliche Arbeit: Beratung, Bewertung, Priorisierung und Prävention. Es wird darauf ankommen, digitale Lösungen dort einzusetzen, wo sie Prozesse tatsächlich vereinfachen, Transparenz schaffen und Doppelarbeit vermeiden. Gerade mit Blick auf knappe personelle Ressourcen ist das ein wichtiger Hebel.
Gleichzeitig sollten wir die Möglichkeiten realistisch einordnen. Arbeitsschutz findet immer in einem konkreten betrieblichen Kontext statt. Deshalb können digitale Werkzeuge Fachkräfte unterstützen, ihre Verantwortung aber nicht übernehmen. Die Zukunft des Arbeitsschutzes ist aus meiner Sicht digital unterstützt, aber weiterhin fachlich verantwortet.
Nicht jede Tätigkeit und nicht jede Gefährdung erfordert denselben Aufwand. Entscheidend ist, die Aufmerksamkeit auf die wirklich relevanten Themen zu lenken.
Wenn Sie einen Blick auf die kommenden Jahre werfen: Was wird den Arbeitsschutz besonders prägen?
Markus Hey: Die Arbeitswelt verändert sich immer schneller. Vor allem Digitalisierung, demografischer Wandel und der zunehmende Fachkräftemangel werden Unternehmen weiterhin stark beschäftigen. Unternehmen werden noch stärker darauf angewiesen sein, erfahrene Beschäftigte leistungsfähig im Arbeitsleben zu halten.
Sicherheit und Gesundheit werden dabei immer mehr zu einem strategischen Erfolgsfaktor. Unternehmen, die gute Arbeitsbedingungen schaffen und ihre Beschäftigten wirksam schützen, stärken auch ihre Stabilität und Zukunftsfähigkeit.
Gleichzeitig bieten neue Technologien große Chancen, Fachkräfte zu entlasten und Arbeitsschutzprozesse effizienter zu gestalten. Der Schlüssel liegt darin, diese Möglichkeiten zu nutzen, ohne den Blick für die betriebliche Realität zu verlieren.
Meine Prognose: Die Bedeutung des Arbeitsschutzes wird weiter wachsen, Arbeitsschutz in Zukunft noch stärker Teil guter Unternehmensführung sein. Nicht als Pflichtprogramm, sondern als wirksames Instrument, das Orientierung gibt, Beschäftigte schützt und die Zukunftsfähigkeit von Organisationen stärkt.
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Online-Impulsvortrag mit Markus Hey: Arbeitsschutz wirksam organisieren
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