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Im Sparring zur Wirksamkeit

Als Kompetenzfeldleiter für den Bereich Arbeitssicherheit ist Markus Hey bestens mit den Aufgaben einer überbetrieblichen Sicherheitsfachkraft vertraut. Er berichtet aus der Praxis, wie die Zusammenarbeit zwischen externer Sicherheitsfachkraft und internen Sicherheitsbeauftragten ihre Wirksamkeit am besten entfaltet.

Arbeitsschutz

Definition Sicherheitsfachkraft (Sifa) und Sicherheitsbeauftragte (Sibe):

Die Sicherheitsfachkraft (Sifa) ist eine speziell ausgebildete interne oder externe Expertin bzw. ein Experte, die beratend in Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz unterstützt. Sicherheitsbeauftragte (Sibe) sind ehrenamtliche Mitarbeitende, die auf Sicherheitsmaßnahmen achten und Kolleg:innen sensibilisieren. Sie sind Bindeglied zwischen Belegschaft und Unternehmensleitung, haben aber keine Weisungsbefugnis oder direkte Verantwortung für die Arbeitssicherheit – diese liegt weiterhin bei Arbeitgebenden und Führungskräften.

Markus Hey

Sicherheitsingenieur und Kompetenzfeldleiter Arbeitssicherheit bei der ias-Gruppe

Markus Hey, ias

Wie beschreiben Sie das Verhältnis zwischen externer Sicherheitsfachkraft (Sifa) und internen Sicherheitsbeauftragten (Sibe)?

Markus Hey: Das Verhältnis zwischen überbetrieblicher Sifa und den internen Sibe ist für mich in erster Linie partnerschaftlich. Beide arbeiten daran, sichere und gesundheitsgerechte Arbeitsbedingungen zu schaffen. Arbeitsschutz ist Teamsport – unterschiedliche Stärken ergänzen sich.

Als überbetriebliche Sifa bin ich je nach Unternehmensgröße oft nur wenige Male im Jahr präsent. Umso wichtiger sind die Sibe vor Ort. Sie kennen die Abläufe und haben ein Gespür für praktischen Handlungsbedarf. Diese unmittelbare Nähe macht sie zu zentralen Ansprechpartner:innen für mich.

Gleichzeitig lässt sich die Beziehung als komplementär beschreiben: Die Sifa bringt das fachlich tiefere und mehr methodisches Know-how ein, strukturiert Prozesse und bewertet Risiken; die Sibe spiegeln die tatsächliche Betriebssituation wider und machen Themen sichtbar, die sonst unter dem Radar bleiben würden.

Ein aktuelles Beispiel: Ein neu ausgebildeter Sibe saß zum ersten Mal im Arbeitsschutzausschuss (ASA). Nachdem ich eine Gefährdungsbeurteilung zu einer Tätigkeit mit einem Gefahrstoff vorgestellt hatte, schilderte er mir einen ähnlichen Vorgang an einem anderen Arbeitsplatz. Sein Hinweis war berechtigt – die Führungskraft war sich der Problematik dort aber vermutlich gar nicht bewusst. Ohne den Sibe wäre dieses Risiko nicht erkannt worden. Genau solche Situationen machen den Wert dieser Rolle sichtbar!

Wo sehen Sie Missverständnisse über die Rollen von Sifa und Sibe?

Markus Hey: In manchen Betrieben sind die Sibe erste Anlaufstelle oder organisatorische Drehscheibe für den Arbeitsschutz: Sie sammeln Hinweise, koordinieren Rückmeldungen oder bereiten Informationen für die Unternehmer:innen vor. Das kann sehr wirksam sein – aber nur, wenn es klar definiert ist und ihnen dafür ausreichend Zeit zur Verfügung steht. 

Aus der organisatorischen Funktion der Sibe darf keine Verantwortungsverschiebung entstehen. Sibe unterstützen, aber sie übernehmen keine Verantwortung für die Umsetzung von Maßnahmen; diese bleibt immer bei den Arbeitgeber:innen bzw. den Führungskräften.

Markus Hey

Missverständnisse entstehen, wenn Rollen und Erwartungen nicht klar sind. Sibe werden manchmal als eine Art „Kontrolleur:innen“ wahrgenommen. Das entspricht nicht der Wahrheit. Sibe sind Hinweisgeber:innen, Multiplikatoren und Frühwarnsysteme, keine Aufpasser:innen. Ein weiterer verbreiteter Irrtum ist die Annahme, die Sifa – intern oder extern – sei für operative Arbeitsschutzmaßnahmen verantwortlich. Das stimmt ebenfalls nicht. Hier braucht es also klare Kommunikation, was die Aufgaben und Rollen anbetrifft.

Die Aufgaben von Sifa und Sibe sind definiert, lassen aber Spielraum. Wie ist das in der Praxis?

Markus Hey: Dieser Spielraum ist ein echter Vorteil! Dank ihm kann die Betreuung zielgenau an den Bedürfnissen des jeweiligen Unternehmens ausgerichtet werden – und die hängen stark von Branche, Arbeitsumgebung und Reifegrad des Arbeitsschutzsystems ab.

In einem produzierenden Unternehmen bewährt es sich, dass die oder der Sibe regelmäßig (z.B. alle zwei Monate) einen strukturierten Rundgang mit Checkliste durchführt. Die dabei festgestellten Punkte werden anschließend gemeinsam mit der Sifa besprochen und priorisiert. So entstehen kontinuierliche Rückmeldeschleifen und mögliche Gefährdungen werden früh erkannt.

In einem Bürobetrieb reicht es dagegen häufig aus, wenn die Sibe bei der jährlichen Begehung von Sifa und Betriebsarzt oder -ärztin mitgehen und die Besonderheiten des eigenen Arbeitsplatzbereichs einbringen. Der Aufwand bleibt überschaubar, ohne dass die Wirksamkeit verloren geht. Gerade in der überbetrieblichen Betreuung zeigt sich diese maßgeschneiderte Gestaltung als entscheidender Erfolgsfaktor. 

Wie unterstützen Sie als externe Sifa beim Aufbau von Arbeitsschutzstrukturen ohne die unternehmerische Verantwortung zu übernehmen?

Markus Hey: Ein wichtiger Bestandteil ist die Arbeit mit Entscheidungsvorlagen, die es den Unternehmern ermöglichen, fundierte und rechtssichere Entscheidungen zu treffen. Diese enthalten klare To dos, Checklisten, Prioritäten und Einschätzungen zu Wirksamkeit oder Dringlichkeit. So werden Unternehmen aktiv darin unterstützt, ihre Verantwortung wahrzunehmen. Es geht darum, Handlungssicherheit zu vermitteln – nicht darum, den Arbeitsschutz stellvertretend „zu machen“.

Ein weiterer Punkt ist die Qualifizierung der Sibe. Klassischerweise wird diese durch die Berufsgenossenschaften angeboten, und das ist auch sinnvoll. Es ist aber nicht der einzige Weg: Oft ist eine innerbetriebliche Ausbildung praxisnäher. Sie kann sehr gut durch die externe Sifa begleitet oder teilweise durchgeführt werden, zum Beispiel durch gezielte Schulungen, kurze Lernimpulse, E-Learnings oder moderierte Workshops.

All das bieten wir auch in der ias-Gruppe an: Ausbildung von Sicherheitsbeauftragten. Gerade wenn ein Betrieb nicht auf einen freien Platz bei der Berufsgenossenschaft warten möchte, ist das eine wirksame und rechtlich zulässige Alternative.

Sibe sind nebenamtlich tätig. Wie gelingt es Ihnen, diese Personen zu befähigen und zu unterstützen?

Markus Hey: Die Wirksamkeit von Sibe hängt stark davon ab, welche Erwartungen an den Arbeitsschutz gestellt werden und welche Sicherheitskultur im Betrieb gelebt wird. Als überbetriebliche Sifa berate und argumentiere ich, um Geschäftsführung und Führungskräfte für den Nutzen der Sibe zu gewinnen. Am wirkungsvollsten sind kleine, nachvollziehbare Schritte: erste Maßnahmen, die sichtbar greifen, konkrete Verbesserungen, die im Alltag spürbar sind. So entsteht Stück für Stück Vertrauen in die Arbeit der Sibe.

Man muss sich die Akteur:innen suchen, die mit einem am gleichen Ziel arbeiten wollen. Wenn die oberste Führung noch nicht mitzieht, kann die oder der Sicherheitsbeauftragte ein wirkungsvoller Motor sein.

Markus Hey

In einem Betrieb, den ich über längere Zeit betreut habe, war Arbeitsschutz zunächst keine Priorität. Der Sibe war mein einziger echter Ansprechpartner: Motiviert, engagiert, aber kaum wahrgenommen. Gemeinsam haben wir im Arbeitsschutz Struktur geschaffen, Risiken benannt und nach und nach Maßnahmen umgesetzt. Was gut war, denn eines Tages wurde die Berufsgenossenschaft vorstellig und wir konnten den nötigen Arbeitsschutz nachweisen. Das hat auch die Geschäftsführung überzeugt. 

Sibe haben keine eigene Umsetzungsverantwortung, Kommunikation ist ihr zentrales Werkzeug. Wie kann eine Sifa dabei unterstützen?

Markus Hey: Oft geht es gar nicht darum, neue rhetorische Konzepte zu vermitteln, sondern darum, die Anliegen der Sibe so aufzubereiten, dass sie in der Führungsebene verstanden werden. An dieser Stelle kommt die Sifa häufig als eine Art Übersetzerin ins Spiel.

Das bedeutet, die Beobachtungen der Sibe in eine Managementsprache zu übertragen: Risiken klar benennen, betriebliche Auswirkungen aufzeigen, Argumente strukturieren und sie mit nachvollziehbaren Beispielen oder rechtlichen Notwendigkeiten unterfüttern. So erhalten die Sibe nicht nur inhaltliche, sondern auch kommunikative Unterstützung – und gewinnen gleichzeitig an Sicherheit in ihrer Rolle.

Auch in unserer eigenen Sibe Qualifikation, die wir in der ias Gruppe anbieten, nehmen wir das Thema Kommunikation bewusst auf. Denn Wissen darüber, wie man überzeugt, wie man Gespräche strukturiert oder wie man Anliegen adressiert, ist wichtig.

Wie gelingt es, die Dokumentation so zu gestalten, dass sie im Betrieb tatsächlich gelebt wird?

Markus Hey: Die Dokumentation muss so einfach gestaltet sein, dass sie möglichst nah an der betrieblichen Realität bleibt. Das bedeutet: Wir bieten unseren Kunden eine Plattform an, in der Sie den Arbeitsschutz abbilden können. Anstatt Papierordner zu füllen, geht es darum, Prozesse zu etablieren, die wirklich genutzt werden. 

Dokumentation ist kein Selbstzweck – sie muss dabei unterstützen, Risiken zu erkennen, Maßnahmen umzusetzen und Wirksamkeit zu überprüfen. Die digitale Dokumentation hilft, den Aufwand zu reduzieren.

Markus Hey

Das System bietet Vorlagen für Gefährdungsbeurteilungen, die logisch aufgebaut, modular, praxistauglich und direkt einsetzbar sind, sowie ein strukturiertes Maßnahmenmanagement, das leicht verständlich und nachvollziehbar bleibt. Maßnahmen aus Begehungen, ASA-Sitzungen und Gefährdungsbeurteilungen werden direkt vor Ort in das System integriert.

Letztlich helfen wir den Unternehmen dabei, ein System zu schaffen, das rechtssicher ist, funktioniert und zugleich pragmatisch bleibt. Wie Gefährdungsbeurteilungen effizient, rechtskonform und praxisnah online dokumentiert werden können, zeigen wir auch in unseren regelmäßigen und kostenlosen Online-Impulsvorträgen.

Wie muss sich die überbetriebliche Betreuung angesichts neuer Herausforderungen weiterentwickeln?

Markus Hey: Psychische Belastungen am Arbeitsplatz, hybrides Arbeiten, eine zunehmend komplexe Regulatorik – all diese Themen lassen sich nicht mehr getrennt voneinander bearbeiten. Unternehmen brauchen einen ganzheitlichen, interdisziplinären Ansatz, der verschiedene Fachbereiche vernetzt.

Genau darin liegt die Stärke der ias Gruppe: Wir verbinden Arbeitssicherheit, Arbeitsmedizin, Psychologie und Gesundheitsmanagement mit digitalen Lösungen. Diese Verzahnung ist aus meiner Sicht der Schlüssel für die Herausforderungen der nächsten Jahre.

Das zeigt auch unser aktuelles Jubiläums-Whitepaper: Unternehmen bleiben nur dann resilient, wenn medizinische, psychologische, sicherheitstechnische und organisatorische Aspekte gemeinsam gedacht werden. Es geht also um eine vernetzte Sicht auf Arbeit, Gesundheit und Sicherheit – nicht um einzelne Maßnahmen.

In diesem Umfeld entwickelt sich die Rolle der überbetrieblichen Sifa zur Lotsin im Arbeitsschutz: Sie bietet Orientierung, setzt Prioritäten, erklärt Zusammenhänge und bringt die richtigen Fachbereiche zusammen – ohne dass der Betrieb alles selbst koordinieren muss.

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